Ein ganz normaler Tag

beginnt an diesem Morgen auf der Stadtautobahn am Flughafen Berlin-Tegel. Der Autobahnabschnitt mit der größten Verkehrsdichte Deutschlands, bringt unseren Captain nicht aus der Ruhe. Über den Taxifahrer, der ihm die Vorfahrt nimmt und ihm auch noch einen Vogel zeigt, kann er nur lächeln, beneidenswerte Nerven.

Beim Briefing stellt sich raus, dass er heute mehr zu fliegen hat, der Dienstplan wurde geändert. Ein Anruf zu hause, es wird heute später, der Tagesablauf seiner fünfköpfigen Familie muss kurzfristig geändert werden, mehrere Telefonate werden geführt, dann ist alles klar. Im Briefingoffice herrscht reges Treiben, mehrere Besatzungen bereiten sich auf ihre Flüge vor, kurze Gespräche, neue Infos, sein Kollege auf dem rechten Sitz ist heute Ricardo Scheel.

"Das Wetter in München ist heute sehr schlecht", sagt Ricardo, er wird den ersten Flug als Flying Pilot übernehmen. DI 7007 könnte pünktlich raus gehen, würden nicht zwei Paxe fehlen, deren Gepäck bereits an Bord ist. Der Captain muss nun Entscheidungen treffen die seine zusätzliche Aufmerksamkeit erfordert. Dann entspannt sich die Situation, die beiden Schlafmützen sind an Bord, die Tür kann geschlossen werden. Die versäumte Zeit muss eingeholt werden.

Günstige Wetterbedingungen über Mitteldeutschland und ein direkter Kurs bringen den Flugplan der Deutschen BA wieder in Ordnung. München kann direkt ohne Verzögerungen angeflogen werden, das ist selten, jedoch ist die Sicht sehr schlecht. Bei Regen rollen wir an unsere vorgesehene Parkposition, die sich kurz vor Ankunft aber ändert.

Von beiden Piloten wird ständig eine unablässige Konzentration gefordert, die kaum Zeit für verklärte Romantik oder private Gespräche lässt. Während die Crew schon den Flug von München nach Hamburg vorbereitet, beobachte ich das Treiben auf dem Vorfeld. Kurz nehmen auch sie die TU-154M war, als ich sie fotografiere, für mehr bleibt keine Zeit.

Kurz nach dem Start in München gibt es eine TCAS Vorwarnung im Cockpit, eine seltene Situation. Zwei Tornados der Luftwaffe kommen uns entgegen, wir können sie deutlich sehen, als sie rechts neben uns vorbei jagen. Beide Piloten besprechen den Vorgang, der Abstand war groß genug, es bestand keine Kollisionsgefahr, obwohl der Kurs der Tornados ungewöhnlich nahe war.

Unser Flug an die Elbmetropole führt uns bei klarer Sicht über Deutschland, deutlich sehen wir die A2, die von Berlin nach Hannover führt und auch den ehemaligen innerdeutschen Grenzübergang in der Nähe von Helmstedt können wir erkennen. Kurz darauf überfliegen wir das Airbuswerk in Finkenwerder und Capt. Sturm landet seine Boeing-737 butterweich in Hamburg Fuhlsbüttel.

Der Erste Offizier Ricardo Scheel spricht auf der Towerfrequenz, er wird vom Fluglotsen erkannt und mit seinem Vornamen angesprochen. "Hi Ricardo", er arbeitete hier fast 10 Jahre in der Bodenorganisation, bevor er wieder ins Cockpit wechselte. Seine Pilotenlaufbahn begann auf der AN-2, die abrupt endete, als seine Transportfliegereinheit aufhörte zu existieren. Der Lauf der Geschichte ist hinlänglich bekannt.

In Hamburg herrschen an diesem Tag weit aus bessere Wetterbedingungen als im Süden Deutschlands. Doch der Arbeitstag stellt beide Piloten vor neue Probleme. Eine Statusanzeige im Overheadpaneel arbeitet nicht korrekt. Auch nach dem Austausch von mehreren Lampen besteht das Problem weiter. In Absprache mit der Maintenance, wird der Austausch von D-ADBQ unmittelbar nach Rückkehr in MUC beschlossen.

Eigentlich wäre in Hamburg jetzt Zeit für eine kurze Erholungspause der Crew, aber die Kommunikation mit München und ein verzögertes Auftanken lassen  unsere DBA Jungs nicht zur Ruhe kommen. Copilot Scheel verlässt das Cockpit und begibt sich zum Außencheck seiner Boeing, die ohne Beanstandungen erfolgt. Der Capt. trägt es ins Bordbuch ein.

Es fällt mir immer wieder auf, dass im Cockpit Unmengen von Papier bearbeitet werden müssen. Eine sehr aufwendige Prozedur, die der Arbeit in einem Büro in nichts nachsteht. Das papierlose Cockpit wird aber in absehbarer Zukunft den Besatzungen eine erhebliche Arbeitserleichterung bringen. Erste Tests bei British Airways mit Laptops sind viel versprechend. Das wird dann auch Tausende Tonnen Papier einsparen.

Bei aller Arbeitsintensität die von Flugkapitän Christian Sturm zu bewältigen ist, bleibt er doch immer ruhig und gelassen. Seinen Kollegen im Cockpit und in der Kabine ist er immer ein angenehmer Chef. Ist er mit der Verfahrensweise seiner Crew nicht einverstanden, findet er einen korrekten angemessenen Ton, der leider nicht immer bei allen Kapitänen selbstverständlich ist. Auch das macht einen guten Kapitän aus !

Langsam rollen wir auf die RWY 05, unsere knapp 50 Tonnen schwere Maschine wird ordentlich durchgeschüttelt. Der Zustand der Bahn ist nicht mehr Zeitgemäß, Ricardo macht eine lustige Bemerkung darüber und beschleunigt unseren "Paradiesvogel" auf Rotate und zieht ihn steil nach oben.

Inzwischen ist es Mittag geworden und die Crew seit sechs Stunden im Dienst. Die Verkehrsdichte über Deutschland nahm in den letzten Jahren immer mehr zu, um uns herum sind auch andere Flugzeuge visuell wahrzunehmen. Im Flugfunk wird unentwegt gesprochen und obwohl mir Christian kurz das Anflugverfahren für München erklärt, entgeht ihm nichts am Funk.

In München rollen wir an einer TU-154M aus Sibirien vorbei, die natürlich aufgenommen wird. Dabei bemerke ich einen Hauch von Müdigkeit und Konzentrationsschwäche bei mir. "Meinen" beiden Piloten ist davon nichts anzumerken als sie routiniert die Triebwerke abstellen und anschließend das Cockpit "aufräumen". Gemeinsam verlassen wir den Jet und gehen zum Bus.

Nun ist endlich Zeit für eine Pause, den sich die Besatzung redlich verdient hat. Gut gelaunt schlendern wir durch das Terminal und nehmen eine kleine Mahlzeit ein. Dabei beobachte ich die Menschen, die dem Kapitän respektvolle Blicke zuwerfen und glaube ihre Gedanken lesen zu können.

Ihre Hochachtung und Bewunderung ist voll berechtigt und ich empfinde ebenfalls ein Gefühl des Stolzes, mit Christian Sturm befreundet zu sein. Am Nachmittag geht es dann zurück nach Berlin, es ist der letzte Flug an diesem Tag. In der Ferne ist Tegel schon gut zu erkennen, die Runway 26 rechts kommt schnell näher, doch die Berührung des Hauptfahrwerks auf der Bahn ist kaum zu spüren. Das war´s für heute, D-ADIB rollt ans Gate 4 und die Crew verabschiedet sich von seinen Passagieren, ein ganz normaler Arbeitstag geht damit für sie zu Ende.

©2002

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Am 14.08. 2005 verunglückte genau diese Boeing-737 31S (msn/cn 29099/2982) bei Grammatikos/Griechenland, dabei starben alle 121 Menschen die sich auf diesem Helios Airways Flug von Larnaca nach Prag mit Zwischenstopp in Athen an Bord befanden. Nachdem der Funkkontakt zur Maschine abgerissen war, schickte das Militär zwei F-16 rauf die Sichtkontakt zur Crew aufnehmen sollten. Die Kampfpiloten berichteten, dass der Captain nicht zu sehen sei und der Co-Pilot mit Atemmaske zusammengesackt im Sitz hängt. Die F-16 begleiteten die Maschine bis sie 40 km nördlich von Athen gegen einen Berg prallte. Anscheinend hatte die B-737, ex DBA D-ADBQ, ein Problem mit dem Kabinendrucksystem und der Sauerstoffversorgung.

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